Projekt #Aneignungskunst

 

Aneignungskunst – Was bedeutet dieser Begriff?

Oder erst einmal – was hat Eva Leopoldi mit Aneignungskunst zu tun?


Kommt Ihnen dieses Werk bekannt vor? Oder denken Sie spontan an Edgar Degas? Richtig! Sie irren sich nicht.

Ein Seidengemälde von Eva Leopoldi, das eine schöne, rothaarige junge Frau vor ihrem Spiegel zeigt, wie sie sich zurecht macht zum Ausgehen
„Samstag Abend, 20 Uhr“ von Eva Leopoldi nach „Vor dem Spiegel“ von Edgar Degas vor „So oder anders“ von Diesem oder Jenem

Ich habe in der Anfangszeit meines Künstler-Daseins meine Kunst auf drei Säulen aufgebaut, mit denen ich versuchte, die Betrachter meiner Werke sowohl auf der emotionalem, als auch auf der mentalen Ebene zu erreichen. Diese drei Säulen waren 1. die ganz persönliche Expressivität und Farbgebung in meinen Bildern, 2. die Tatsache, dass ich ausschließlich auf Seide malte und 3. eine Aneignungskünstlerin bin.


Ich arbeitete immer nach Werken, die in der Kunstgeschichte bereits existierten. Dabei wiederholte in zwar ein bestimmtes Bild, aber meine neuen Werke differierten zu den Ur-Bildern hinsichtlich Konzeption, Intention, Medium, Kontext und Strategie. 
Diese Urbilder waren immer Bilder, die meine Seele ansprachen, Erinnerungen, Gefühle, auch Sehnsüchte hervorriefen. Diese ganz subjektiven Empfindungen habe ich dann in mein Bild eingearbeitet. Ich übersetzte sozusagen das Urbild in „meine Sprache“, die aus Farben, konkreten Formen und Konturen bestand.
Der Begriff Übersetzung, der sowohl von Benjamin, als auch  von Derrido, als auch von Mark Wigley aufgenommen wird, kommt meiner Idee der Bildauffassung sehr nah. (Aus „Künstlerische Strategien des Fake“ von Stefan Römer, S. 269)

Dadurch entstand ein neues Werk mit einer komplett neuen Bildaussage, die ich aber gleichrangig neben alle anderen Aussagen stellte, die schon existierten, bzw. noch entstehen werden.

 

Mit meinem offensichtlichen Hinweisen auf die Aneignung, z.B. durch Titel oder die Verwendung von sehr bekanntem Bildmaterial wollte ich immer auch den Intellekt der Betrachter ansprechen, sie zu einer eigenständigen reflexiven Bildbetrachtung bringen und die Erkenntnis aufzeigen, dass es im Leben unendlich viele Sichtweisen gibt, die alle ihre Berechtigung haben, da sie aus Sicht der einzelnen Individuen „wahr“ sind.

 

Der amerikanische Philosoph Nelson Goodman hat das folgendermaßen formuliert:

„Es gibt DEN Gegenstand genauso wenig, wie DIE Welt…. Wie sich uns ein Gegenstand zeigt und als was er sic zeigt, hängt immer davon ab, unter welschen Bedingungen wir ihn betrachten. Die Sinnesorgane dienen nicht dazu, eine gegebene Welt aufzunehmen, sondern dazu, sie für uns herzustellen. Bevor wir das haben, was wir gewöhnlich eine Tatsache nennen, müssen Daten gefiltert, unterschieden, klassifiziert und organisiert werden. So ist jede vermeintliche Tatsache bereits eine Interpretation. Was für uns realistisch gilt, ist nur das, was unseren Sehgewohnheiten – die genauso gut auch anders sein könnten und zu verschiedenen Zeiten und in anderen Kulturen auch anders sind – am ehesten entspricht.“

 

Auf meine Kunst bezogen konnte und kann man noch heute diese Erkenntnisse mit einem Satz auf den Punkt bringen: „Der Betrachter, nicht der Künstler bestimmt die Bedeutung eines Kunstwerkes!“
Ich wollte – und will es heute mehr denn je –  auf das Phänomen der multiplen Bildaussage hinweisen, die durch die Einmaligkeit der jeweiligen Rezipienten hinweisen, die bereit sind, sich reflexiv auf das Bild einzulassen.

Das Warum des Künstlers ist meiner Meinung nach zweitrangig – das Wichtigste für einen Kunstbetrachter sollte in erster Linie der EIGENE Bezug zum Kunstwerk sein, jedoch mit dem Wissen, das auch die neue Geschichte des Betrachters nur EINE AUSSAGE VON UNENDLICH VIELEN IST.

Um diesen Gedanken publik zu machen, habe ich damals die Titel meiner Werke auch multipel gestaltet, indem ich drei Möglichkeiten angeboten habe: Den ursprünglichen Titel (sofern bekannt), meinen neuen Titel und den dritten Titel, den jeder für sich erarbeiten kann, stellvertretend durch „So oder Anders“ von „Diesem oder Jenem“. 

Beispielsweise habe ich ein Werk gemalt mit dem Titel:
„Tradition – Sicherheit oder Gefängnis?“ von „Eva Leopoldi nach „Am Sonntag“ von „Amadeo Modigliani“ vor „So oder anders“ von „Diesem oder Jenem“.

 

Hier möchte ich noch Jean-Francois Lyotard zitieren, der gesagt hat: „Traditionelle Kunst vertraute auf eine Wirklichkeit, die sie weidergeben, überhöhen, beschönigen konnte. Die moderne Kunst hat erkannt, dass es mit der Wirklichkeit nichts ist, dass die Malerei folglich nicht von einer Realität, sondern von sich selbst ausgeht, mithin reflexiv verfahren muss. … Wenn die moderne Malerei sich noch einmal auf die Wirklichkeit bezieht, dann gerade, um zu zeigen, wie wenig wirklich die Wirklichkeit ist.“ (aus „Ästhetisches Denken“ von Wolfgang Welsch, S. 87)

Und hier finden Sie Beispiele meiner Aneignungskunst: Meine Sicht der Dinge. 

Die Künstlerin Eva Leopoldi hat in folgender Zusammenfassung versucht, den Begriff, die Entwicklung und vor allem das dahinterstehende Gedankengut zur Aneignungskunst oder Appropriation Art aus kunsthistorischer Sicht vorzustellen: 

Die Kopie als Kunstform von der Antike zum Jetzt. Von Eva Leopoldi Verfasst 2004.

Übrigens hat sich Leopoldi nicht nur Bilder angeeignet. Sie hat während Ihrer Ausstellungen zum Thema Aneignung auch durch die Verwendung von Gegenständen, die man in einer Ausstellung eher nicht erwartet, gezeigt, wie spannend und bereichernd es sein kann, die Welt ein wenig zu verändern. Einfach weil sie Lust hatte, 

Ein weißer Gartenstuhl beschrieben mit Zitaten - Ein Kunstprojekt von Eva Leopoldi
Ein Stuhl muss nicht darauf beschränkt sein, nur ein Stuhl zu sein.

 

 

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