Aneignungskunst von Eva Leopoldi
Übersetzung, Perspektive und multiple Bildaussage
In der frühen Phase meiner künstlerischen Arbeit entwickelte ich eine Aneignungspraxis, in der Werke der Kunstgeschichte zum Ausgangspunkt neuer Seidenmalereien wurden. Die ursprünglichen Bilder wurden nicht kopiert, sondern übersetzt — in eine eigene visuelle Sprache aus Farbe, Emotion und persönlicher Erinnerung.
Aneignung wurde dabei zu einem Dialog zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Künstler, Werk und Betrachter.
Künstlerische Idee
Die Arbeit basierte auf drei zentralen Säulen:
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einer sehr persönlichen Expressivität in Farbe und Form
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der konsequenten Malerei auf Seide
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und einer bewussten Aneignungsstrategie.
Ausgewählte Werke der Kunstgeschichte dienten als Ausgangspunkt für neue Bildkonzepte. Obwohl Motive wiedererkennbar blieben, entstanden eigenständige Arbeiten mit neuer Intention, neuem Kontext und eigener Bildaussage.
Aneignung als Übersetzung
In meinem Verständnis sehe ich Aneignung nicht als Wiederholung, sondern als Übersetzungsprozess. Inspiriert von theoretischen Gedanken zur „Übersetzung“ wurde das ursprüngliche Bildmaterial in eine subjektive Bildsprache übertragen.
Die neuen Werke standen gleichberechtigt neben ihren Vorlagen — als eigenständige Perspektiven innerhalb einer offenen Bildgeschichte.
Philosophie der multiplen Bildaussage
Im Zentrum steht meine Überzeugung, dass ein Kunstwerk keine feste Bedeutung besitzt. Die Titel der Arbeiten wurden bewusst multipel angelegt: neben dem ursprünglichen Werkstitel und einem neuen Titel blieb Raum für eine dritte, offene Lesart durch die Betrachtenden.
So wurde der Betrachter selbst Teil des künstlerischen Prozesses — denn Bedeutung entsteht erst im individuellen Blick.
Kontext & Wirkung
Mit meinen offensichtlichen Verweisen auf bekannte Bildquellen wollte ich nicht nur emotional berühren, sondern auch zum reflektierten Sehen anregen. Aneignung wurde hier zu einer Einladung, Sehgewohnheiten zu hinterfragen und die Vielfalt möglicher Wahrheiten sichtbar zu machen.
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Aneignung mit Augenzwinkern
Auch im Ausstellungsraum wurde Aneignung für mich zu einer spielerischen Geste. Auf diesem Gartenstuhl greife ich ein Zitat von Henri Matisse auf und übersetze es in meine eigene Haltung zur Kunst: Zwischen Ruhepunkt und Reflexionsraum, zwischen ernstem Gedanken und leiser Ironie.
Das Objekt zeigt, dass Aneignung nicht nur in Bildern stattfindet, sondern auch im Raum — als Einladung, Kunst mit einem offenen, wachen Blick zu erleben.

Die Idee der Aneignung endet hier nicht — sie findet ihre heutige Fortsetzung im dialogischen KI-Projekt.
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